Debatte: Charta der Familienrechte & Resolution „LGBT-Ideologiefreie Zone“ vs. Warschauer LGBT+-Erklärung

Die Debatte um die polnischen Kommunen, die die „Charta der Selbstverwaltung über die Rechte der Familien“ (Samorządowa Karta Praw Rodziny, SKRP) oder die Resolution „LGBT-Ideologiefreie Zone“ (wolne od ideologii „LGBT”) unterzeichnet haben, und über die Haltung deutscher Städte und Gemeinden gegenüber ihren polnischen Partnern, zeigt die Heftigkeit einer größeren Diskussion wie unter einem Brennglas.

Gemeint ist das Aufeinanderprallen zweier Verständnisse von Gesellschaft, auf der einen Seite die Vorstellung von einem freiheitlichen, vielfältigen und toleranten Miteinander, auf der anderen Seite ein konservativeres Gesellschaftsbild mit den Kernwerten nationale Identität, Tradition und klassische Familie.

Beide Positionen haben jeweils auch radikale Ausprägungen, die eine bis hin zu einer extrem individualistischen, moralisierenden Anspruchshaltung und einer manchmal hysterisch geführten Diskussion um „political correctness“, die andere hin zu einer reaktionären Flucht in eine Welt von gestern unter Dominanz der Mehrheits-Gruppen. Die Mit-Menschenbilder dieser extremen Positionen unterscheiden sich gar nicht so sehr: der Mitbürger entweder als unmündiger Spielball finsterer Mächte oder als zu zähmender potenzieller Unhold.

Stecken jetzt hinter den verschiedenen Aktivitäten Agenden, ideologische Pläne? Auf der einen Seite zur Zersetzung traditioneller Familienwerte mit Hilfe einer „Sexualisierung von Kindern“ und dem Ziel, die Gesellschaft zu schwächen, oder auf der anderen Seite der Versuch eines reaktionären Rollbacks mit Hilfe der Beschuldigung und Ausgrenzung von Minderheiten? Oder gibt es einen „Korridor der Verständigung“? Was sind berechtigte Anliegen und was Dämonisierungen?

Jedenfalls ist der Versuch, eine neue, reine Welt zu erschaffen, in der das Böse und Unerwünschte getilgt oder ausgesperrt ist, im Kern immer totalitär. Es bleibt der mühsame Weg, Widersprüche, die sich nicht ertragen lassen, im Diskurs aufzulösen, oder, wenn das fehlschlägt, dies der Justiz und den entsprechenden Verfassungsorganen zu übertragen, welche durch geeignete Verfahren abgesichert und ertüchtigt werden müssen, z.B. durch das, welches von den US-Amerikanern „Checks and Balances“ genannt wird.

Die polnisch-deutsche Staatsgrenze ist in diese Hinsicht nicht unbedingt auch eine kulturelle Grenze, doch lassen sich beidseits verschiedene Gewichtungen und Mehrheiten zu den genannten Standpunkten beobachten. Wobei die Regionen des historischen Kulturraums Schlesien-Lausitz-Sachsen vielleicht ein bisschen „in-between“ sind.

Diese Debatte berührt natürlich auch das Verständnis von Städte- und Gemeindepartnerschaften: Wer sind deren „Subjekte“, die Bürger und Vereine und/oder die politischen Repräsentanten?  Was kann und muss von den Partnerschaften erwartet werden, wo bieten sie Chancen und wovon sind sie überfordert?

Wenn wir das Gespräch über diese Themen nicht führen und aushalten, berauben wir uns auch unseres gemeinsamen europäischen Schatzes, der immensen Fülle an Kultur und Geschichte und auch deren schmerzlichen Lehren und zusammen bestandenen Herausforderungen.

Da wir keine deutsche Version der Samorządowa Karta Praw Rodziny im Web gefunden hatten, haben wir uns selbst an einer Übersetzung versucht. Verbesserungsvorschläge sind natürlich willkommen. (Update: seit April 2020 finden Sie eine deutsche Übersetzung auf der Projektseite von Paweł Kwaśniak kartarodzin.pl, download. Vielleicht ist der Vergleich der Übersetzungen von Interesse.)

Christian Wolters

Charta ueber die Rechte der Familie - Samorządowa Karta Praw Rodziny

 

Charta-ueber-die-Rechte-der-Familie-Samorządowa-Karta-Praw-Rodziny.pdf
– Quelle: www.ordoiuris.pl – Samorządowa Karta Praw Rodzin vom 18. April 2019,
Keine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Übersetzung –

 

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Hier eine kleine Chronik der laufenden Ereignisse

 

14.08.2013
Die Stiftung Ordo Iuris-Institut für Rechtskultur wird gegründet.

16.10.2018
Jerzy Kwaśniewski, Präsident des Ordo Iuris-Instituts für Rechtskultur, startet erstmals eine Kampagne gegen die Bedrohung der Familie als Gemeinschaft von Vater, Mutter und Kindern durch die „Gender-Ideologie“.

18.02.2019
Der neue Warschauer Oberbürgermeister Rafał Trzaskowski von der liberalen Bürgerplattform (PO) unterzeichnet die sogenannte LGBT+-Charta, die „Warschauer Erklärung einer städtischen Politik für die LGBT+-Gemeinschaften“.

18.03.2019
Die „Charta der Familienrechte der lokalen Gebietskörperschaften“ (Samorządowa Karta Praw Rodzin), wird von Ordo Iuris formuliert,

Kampagnenseite von Paweł Kwaśniak zur Samorządowa Karta Praw Rodzin: kartarodzin.pl (siehe auch Grafik in der Titel-Collage unten)

Die SKRP ist nicht zu verwechseln mit der „Charta der Familienrechte des Päpstlichen Rats für die Familie im Pontifikat des Heiligen Vaters Johannes Paul II.“ vom 22.10.1983:

24.03.2019
Die Stadt Świdnik unterzeichnet als 1. Gemeinde eine Resolution, in der die „LGBT-Ideologie“ abgelehnt wird.

26.04.2019
Der Rat der Poviat Łowicz unterzeichnet als 1. Gemeinde die Charta der Familienrechte.

26.06.2019
Der Rat der Powiat Wieluński ratifiziert auf seiner 9. Sitzung die Charta der Familienrechte.

17.07.2019
Der Rat der Gmina Wieluń unterzeichnet auf seiner 13. Sitzung die Charta der Familienrechte.

20.07.2019
Teilnehmer des Christopher Street Day (CSD) werden in Białystok mit Steinen und Böllern beworfen.

18.07.2019
Als Reaktion auf den angekündigten Aufkleber von Gazeta Polska veröffentlicht die Kampania Przeciw Homofobii ihren Aufkleber „Strefa wolna od nienawiści“ (Hassfreie Zone, in der Titel-Collage oben rechts).

24.07.2019
Ein Aufkleber „LGBT-freie Zone“ (siehe auch in der Titel-Collage oben links) wird der Gazeta Polska beigelegt. Das wird am 25.07. vom Warschauer Landgericht nach der Klage eines LGBTI-Aktivisten untersagt.

01.08.2019
Marek Jędraszewski, Erzbischof von Krakau, spricht in einer Predigt zum 75. Jahrestages des Beginns des Warschauer Aufstandes von einer „neomarxistischen Seuche in den Farben des Regenbogens“.

oder auch bei einer Messe im Juni 2019 anlässlich des 40. Jahrestages des Besuchs von Johannes Paul II. in Nowy Targ:

„Die Unterminierung des Ehe- und Familienlebens geht heute noch tiefer. Sie versucht, die Institution der Ehe als einer Gemeinschaft von Frauen und Männern selbst zu untergraben. Darüber hinaus beginnt dies bereits bei der Bildung, oder besser gesagt: die Verderbtheit von Kindern und Jugendlichen beginnt durch die Einführung so genannter LGBT-Erklärungen in Schulen durch einige polnische Kommunalverwaltungen. Das liegt, wie wir alle wissen, an der Gender-Ideologie, nach der die Geschlechterfrage eines Menschen nicht in erster Linie mit seiner biologischen Struktur zusammenhängt, sondern hauptsächlich kultureller Natur ist und von seiner persönlichen Entscheidung abhängt.“
nowytarg.pl/… 10341 – Keine Gewähr für die für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Übersetzung

20.08.2019
Der Rechtswissenschaftler Dr. David Sześciło legt eine Stellungnahme für Adam Bodnar, den polnischen Beauftragten für Bürgerrechte (Rzecznik Praw Obywatelskich, RPO) vor, in dem er die rechtliche Zulässigkeit der Resolution zur Unterdrückung der LGBT-Ideologie einschätzt.

27.11.2019
Der Atlas des Hasses (Atlas nienawiści) von Jakub Gawron, Paulina Pająk und Paweł Preneta wird veröffentlicht.

15.12.2019
Die französische Gemeinde Saint Jean-de-Braye beendet nach 25 Jahren ihre Partnerschaft mit Tuchów, deren Rat die SKRP unterzeichnet hatte.

18.12.2019
Das Europaparlament beschließt eine Resolution, in der es „LGBTI-freie Zonen“ in Polen nachdrücklich verurteilt.

18.12.2019
Der Ausschusses für Bildung und Sicherheit des Rates der Powiat Wieluński nimmt auf seiner 14. Sitzung den Beschluss zur Umsetzung der SKRP zur Kenntnis.

28.01.2020
Die Woiwodschaft Łódź unterzeichnet die Charta der Familienrechte.

26.02.2020
Das Webmagazin OKO.Press ruft 52 EU-Partnerstädte und Regionen in einem Schreiben zum Abbruch der Verbindung zu den jeweiligen polnischen Städten auf.

Anfang März 2020
Das Ordo Iuris-Institut hält gemeinsam mit Vertretern einiger im „Atlas des Hasses“ eingezeichneten Gemeinden eine Pressekonferenz ab, auf der eine Klage gegen die Autoren des Atlas wegen Verleumdung angekündigt wird.

Anfang März 2020
Der Bürgermeister der französischen Stadt Estaires, die seit 2017 ein Kooperationsabkommen mit Wieluń unterhält, äußert tiefe Besorgnis bezüglich der Unterzeichnung der Charta durch den polnischen Partner. Sinngemäßes Zitat: „Die Angelegenheit wurde geklärt, die Partnerschaft wird fortgesetzt“

10.03.2020
Erklärung des Botschafters der Republik Polen, Andrzej Przyłębski, zu sog. „LGBT-freien Zonen in Polen“.

10.06.2020
Staatspräsident Duda stellt eine „Familien-Charta“ (Karta rodziny) als Wahlmanifest für eine zweite Amtszeit vor, die in weiten Passagen mit der SKRP übereinstimmt.

10.06.2020
Der Stadtrat von Wieluń verleiht Andrzej Duda die Ehrenbürgerwürde. In seiner Rede während des Festaktes betonte Duda, er wolle den Schutz vor feindlichen Ideologien garantieren, die die traditionelle Familie verändern und verzerren wollen und eine andere Welt errichten wollen, die im Gegensatz zu den polnischen Traditionen steht.

11.06.2020
Der Rat des Flecken Adelebsen beauftragt Bürgermeister Holger Frase mit der Abfassung eines Briefes an die Partnergemeinde Wieluń, mit dem Fragen zur Unterzeichnung der SKRP geklärt werden sollen.
– Ankündigung der Ratssitzung auf der Webseite des Ortsverband Adelebsen von Bündnis 90/Die Grünen, in der allerdings fälschlich behauptet wird, Wieluń habe die Resolution zur „LGBT-ideologiefreien Zone“ unterzeichnet: gruene-adelebsen.de

14.07.2020
Das Wojewódzki Sąd Administracyjny (Provinzverwaltungsgericht) der Woiwodschaft Schlesien in Gliwice entscheidet, dass die Resolution des Gemeinderates von Istebna gegen die „LGBT-Ideologie“ nicht mit den Verwaltungsbestimmungen und der Verfassung vereinbar ist, insbesondere nicht mit Art. 32, der das Verbot von Diskriminierung regelt. Am 16. Juli 2020 wird eine ähnliche Entscheidung vom WSA der Woiwodschaft Masowien in Radom im Fall gegen die Gemeinde Klwów getroffen.

27.07.2020
Der polnische Justizminister Zbigniew Ziobro schlägt dem Familienministerium den Austritt aus der Istanbul-Konvention gegen häusliche Gewalt vor, da diese schädliche Bestimmungen ideologischer Natur enthalte, und versuche, einen sozio-kulturellen Geschlechterbegriff an die Stelle des biologischen Geschlechterbegriffs zu stellen. Kinder müssten nach der Konvention über Homosexualität aufgeklärt werden. „Dies ist ein Ansatz, der hauptsächlich von der Linken und dem homosexuellen Umfeld unterstützt wird“.

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Fakten der Unterzeichnungen in einer Tabelle, die Aktivisten auf Basis offizieller Daten erstellt haben:
docs.google.com/…/15yrxAGCj9RKop_IBz35OuD5KKylSIHUVnpfJ2b5W8Xg/..

Fakten und Zahlen vom Deutschen Polen-Institut:
polendenkmal.de/…/lgbt-freie-zonen-in-polen-fakten-und-zahlen
poleninderschule.de/…/lgbt-rechte-gender-und-sexualmoral-in-polen

Wikipedia-Artikel zum Thema:
de.wikipedia.org/wiki/LGBT-ideologiefreie_Zone

pl.wikipedia.org/wiki/Strefa_wolna_od_ideologii_LGBT
en.wikipedia.org/wiki/LGBT_ideology-free_zone

Arte-Doku zur Rolle des Glaubens in Polen:
arte.tv/…/polen-unerschuetterlicher-glauben



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