Debatte: Erinnerungsstätte an die polnischen Opfer des II. Weltkrieges

Denkmale an Polen als Widerstandskämpfer und Befreier finden sich in Berlin:

Denkmal des polnischen Soldaten und des deutschen Antifaschisten

Das 1972 errichtete Denkmal im Volkspark Friedrichshain wurde von Tadeusz Lodzian, Arnd Wittig, Zofia Wolska und Günter Mertel geschaffen. Es erinnert an die Soldaten der kommunistischen polnischen Untergrundarmee Armia Ludowa (vormals: Gwardia Ludowa) und an deutsche kommunistische Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Seit 1995 ist das Denkmal auch nicht-kommunistischen Widerstandskämpfern und Soldaten gewidmet.

Denkmal für die polnischen Befreier*innen

Am 1. September 2020 weihten das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf und die TU Berlin in Anwesenheit von Veteranen, des Bezirksbürgermeisters Reinhard Naumann und des polnischen Botschafters Andrzej Przylebski (siehe auch dessen Denkanstoß weiter unten) das „Denkmal für die polnischen Befreier*innen“ vor der TU Berlin ein.

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Erinnerungsstätte an den deutschen Überfall auf Polen und die polnischen Opfer des II. Weltkrieges

Eine Erinnerungsstätte an den deutschen Überfall auf Polen und die polnischen Opfer des II. Weltkrieges existiert allerdings noch nicht. Diese forderte im Oktober 2019 auch der Homburger Appell der Deutsch-Polnischen Gesellschaft (s.u.). Am 30. Oktober 2020 hat der deutsche Bundestag mit den Stimmen aller Fraktionen außer der AfD die Errichtung eines Ortes des Erinnerns und der Begegnung für die polnischen Opfer des NS-Regimes beschlossen. Die Idee, polnischen NS-Opfern in Deutschland ein Denkmal zu errichten, geht u.a. auf den Auschwitz-Überlebenden und früheren polnischen Außenminister Władysław Bartoszewski zurück (hier finden Sie einen Artikel zur Ausstellung der DPG „Władysław Bartoszewski 1922–2015“ auf polen-pl.eu: Bartoszweski online).

Darüber, ob die Erinnerungsstätte als Denkmal/Mahnmal und/oder als Dokumentationszentrum ausgeführt werden soll, gibt es eine rege Debatte. Im Rahmen der virtuellen Langen Nacht der Ideen des Auswärtigen Amtes (Link) fand am 19. Juni 2020 eine Online-Diskussion zum Thema „Polendenkmal weiterdenken als lebendige Erinnerungsplattform“ statt, ausgerichtet vom Deutschen Polen-Institut.

Und hier der Denkanstoß des polnischen Botschafters in Deutschland, Andrzej Przyłębski, zum 1. September 2019 in cicero.de/aussenpolitik/ueberfall-polen-wielun-zweiter-weltkrieg-1-september-1939, Zitat:

„… Ich habe die von der Botschaft, die ich leite, jährlich am 1. September und am 8. Mai veranstalteten Gedenkfeierlichkeiten erwähnt. Sie finden auf dem Britischen Friedhof in Berlin statt, wo einige Hunderte alliierte Soldaten bestattet wurden, darunter fünf polnische Flieger der Royal Air Force, die über Berlin abgeschossen worden waren. Wie man sich denken können [kann], handelt es sich dabei um einen Ersatzort, weil Deutschland bis jetzt noch kein Denkmal für die polnischen Opfer des Nationalsozialismus errichtet hat… “

 

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Homburger Appell der Deutsch-Polnische Gesellschaft

– Die Deutsch-Polnische Gesellschaft schließt sich mit einem Appell auf der 28. Jahrestagung 2019 in Homburg den Initiativen zur Errichtung einer Erinnerungsstätte an die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges in der Mitte Berlins an – und wirbt zusätzlich für einen Ort der Informationen, des Lernens und der Begegnungen.

Pressemitteilung der DPG: dpgberlin.de/de/2019/homburger-appell

Homburger Appell unterstützt die Errichtung einer Erinnerungsstätte an die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges in der Mitte Berlins – und wirbt zusätzlich für einen Ort für Informationen, Lernen und Begegnungen

Die Deutsch-Polnische Gesellschaft Bundesverband begrüßt die Initiative von Bundestagsabgeordneten für einen Ort in der Mitte Berlins zum Gedenken an die polnischen Opfer von Krieg und Besatzung 1939 bis 1945. Die Initiative für einen Gedenkort, die von über 250 Abgeordneten unterstützt wird, soll nach den Vorstellungen des Bundesverbandes durch einen Ort für Informationen, Lernen und Begegnung ergänzt werden.

„Die Beziehungsgeschichte zwischen Deutschland und Polen erstreckt sich über 1000 Jahre. Wir wollen uns mit der wechselvollen Geschichte auseinandersetzen und dabei insbesondere auch mit der Zeit von Krieg und Besatzung. Eine Kenntnis des Geschehenen ist die Voraussetzung für unser Gedenken“, erklärte der Bundesvorsitzende Dietmar Nietan, MdB.

Auf ihrer Jahrestagung vom 24.-27. Oktober 2019 hatten die Mitglieder des Bundesverbandes in Homburg (Kreis Saarpfalz) über die Weiterentwicklung ihres Engagements für die Kooperation mit dem Nachbarland Polen diskutiert.

Der Beschluss wurde als sogenannter Homburger Appell am Schluss der Jahrestagung 2019 gefasst, die unter anderem aus Anlass des zehnjährigen Bestehens der Partnerschaft zwischen der polnischen Woiwodschaft Podkarpackie (Karpatenvorland) und dem Saarland in der Stadt Homburg durchgeführt wurde. Die jährlichen Treffen finden abwechselnd in Deutschland und Polen statt.

Im Bundesverband der Deutsch-Polnischen Gesellschaften sind 50 regionale Gesellschaften organisiert, die sich seit Zeiten der Entspannungspolitik für die deutsch-polnische Verständigung einsetzen. Nach der Wiedervereinigung waren weitere Gesellschaften entstanden und kamen auch aus dem Osten Deutschlands hinzu.

Geschäftsstelle Deutsch-Polnische Gesellschaft Bundesverband e.V.

 

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Verschiedene Initiativen

Eine Initiative geht 2017 von Leo und Florian Mausbach, Andreas Nachama und Dieter Bingen aus und schlägt den Askanischen Platz am Anhalter Bahnhof als Standort vor. Sie genießt Unterstützung durch Wolfgang Schäuble:

Im August 2019 rufen Bundestagsabgeordnete aller Fraktionen zur Errichtung eines Mahnmals für polnische NS-Opfer auf. Auszug aus dem von Manuel Sarrazin mitinitiierten Aufruf, der von 240 Abgeordneten unterstützt wird: „An prominenter Stelle in Berlin soll ein geeigneter Ort gefunden werden, der den Opfern des Krieges und der Besatzung in Polen gewidmet ist. … Wir stellen uns darunter auch einen Ort der Begegnung und Auseinandersetzung vor, der Deutsche und Polen zusammenbringt und damit zur Vertiefung unserer Beziehungen und Freundschaft beiträgt.“ Hier der gesamte Text:

Dahingegen fordert Peter Jahn, früherer Leiter der Gedenkstätte Karlshorst, mit einem Aufruf vom März 2013 einen Gedenkort für alle Opfer der NS-Lebensraumpolitik in Osteuropa

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Debattenbeiträge

Artikel der Deutschen Welle zur Debatte: Polen-Denkmal in Berlin? und Ein Weltkriegsdenkmal für Polen in Berlin?

Beiträge vom 27.08.2019 in Deutschlandfunk Kultur: „Ein blinder Fleck im deutschen Geschichtsbewusstsein“ – Aleida Assmann im Gespräch mit Sigrid Brinkmann, und Erinnern an polnische Opfer der NS-Herrschaft von Sebastian Engelbrecht.

Über die zunehmende tagespolitische Instrumentalisierung des Gedenkens schreibt die TAZ unter Opfer, Täter, Denkmäler: taz.de/Kriegsende-vor-75-Jahren. Bedenken wegen einer möglichen Nationalisierung der Erinnerung äußert auch der Historiker und Journalist Sven Felix Kellerhoff am 30.08.2019 im Gespräch mit dem Deutschlandfunk: „Nationalisierung hilft nicht bei Erinnerung“.

Ähnlich äußert sich Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Grzegorz Rossoliński-Liebe wiederum sagt, dass „über die komplexe Frage der Kollaboration … nur ein Museum aufklären kann“, siehe Beitrag im Tagesspiegel vom 11.09.2019: Nur ein Museum kann der deutschen Besatzungs- und Vernichtungspolitik gerecht werden.

Auch zu diesem Thema haben Dieter Bingen und Simon Lengemann anlässlich des 80. Jahrestages des deutschen Überfalls auf Polen und des 75. Jahrestages des Beginns des Warschauer Aufstands in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung (www.bpb.de) als Band 10398

Deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939–1945, Eine Leerstelle deutscher Erinnerung?

herausgegeben. Hier können Sie dieses Buch als PDF abrufen:
bpb.de/…/SR_10398_Deutsche_Besatzungspolitik_Polen_Internet.pdf. Und eine Replik auf Dieter Bingens Thesen und die von Wolfgang Benz angeregte Erweiterung eines Dokumentationszentrums auf ganz Europa in der TAZ vom 25.10.2020: Namenlose Verbrechen.

Übrigens: zum Thema Erinnerungsorte ist auch das Deutsch-Polnische Jugendwerk sehr aktiv, siehe dpjw.org und erinnerungsorte.org

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Askanischer Platz oder Platz des 1. September 1939?

Portal des Anhalter Bahnhofs heute (Foto von David Seffer, 21. Mai 2014)

Anhalter Bahnhof und Askanischer Platz 1910 (Foto von Waldemar Titzenthaler, 1869-1937)

 
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Weiteres Material:

Archiviert:

Polendenkmal weiterdenken – für eine lebendige Plattform der Erinnerung an die Opfer der deutschen Besatzung Polens 1939-1945

Programm:

Impulsbeitrag zum Status quo des „Polendenkmal“-Projekts:
Prof. Dr. Peter Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts

Kommentare:
• Dr. Andrea Genest, designierte Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
• Dr. Kornelia Kończal, wiss. Mitarbeiterin, Geschichte Ost- und Südosteuropas,
   Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
• Uwe Neumärker, Direktor, Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Anschließend Diskussion mit Publikumsbeteiligung. Moderation:  Emilie Mansfeld, wiss. Mitarbeiterin / Projektkoordinatorin „Polendenkmal“ im Deutschen Polen-Institut.

Teilnahme über zoom oder über das Live-Streaming unserer Facebookseite: facebook.com/deutschespoleninstitut

Auch eine Telefon-Option ist möglich:
Telefon-Schnelleinwahl:
Deutschland: +496971049922,97646807284# oder +493056795800,97646807284#
Oder Rufnummer außerhalb Deutschlands für bessere Sprachqualität:
Polen: +48 22 307 3488 oder +48 22 398 7356
Webinar-ID: 976 4680 7284
Teilnehmer-ID: 279660
Internationale Rufnummern: https://zoom.us/u/adpQKyrx2

Zum Thema:

Bisher gibt es für Deutschlands Nachbarn Polen als erstes Opfer des Zweiten Weltkriegs keinen zentralen deutschen Gedenkort. Der 2017 vorgestellte zivilgesellschaftliche Aufruf zur Errichtung eines Denkmals für die Opfer der deutschen Besatzung in Polen 1939-1945 in Berlin (polendenkmal.de) wurde zahlreich unterstützt.

Das Deutsche Polen-Institut regte in Zusammenarbeit mit der Stiftung Denkmal ein multidimensionales Modell an:
• eine symbolische Ebene mit Gedenkfunktion („Denkmal“)
• eine dokumentarische Ausstellung mit Hintergrundinformationen
• eine Bildungseinrichtung, die durch unterschiedliche Veranstaltungsformate Wissen in die deutsche Gesellschaft trägt („fliegende Akademie“)

Kann dies eine gute Lösung sein, um eine lebendige Erinnerungsplattform zu schaffen, die Menschen – auch über Grenzen und Kulturen hinweg – verbindet?

Mehr Informationen zum neuen Vorschlag des DPI und der Stiftung Denkmal für einen Gedenkort in Berlin „An den Überfall auf Polen und an die deutsche Besatzungsherrschaft in Europa erinnern“ finden Sie hier:
polendenkmal.de/assets/Uploads/Pressemitteilung-DPI-Stiftung-Denkmal-2020-06-10.pdf
polendenkmal.de/assets/Uploads/Schreiben-Stiftung-Denkmal-DPI-2020-06-09-Finale-Fassung.pdf

Wir regen an, sich den Termin samt Zugangsoption gleich zu notieren und freuen uns über Ihre Teilnahme.

Mit besten Grüßen und auf bald im digitalen Raum!
Dr. Andrzej Kaluza


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